Jochen Meister
24 hours
“Malerei ist für mich ein künstlerischer Prozess, der sich im Raum erstreckt und dessen Auftritt als ein formaler Akt im Raum gesehen werden kann. Mit dem Hintergrund dieser ästhetischen Tendenz der Formfindung, diskutiere und untersuche ich diesen erweiterten Malereibegriff als einen kontinuierlichen Vorgang. Großformatige Leinwände, deren Inhalt auf gegenständlichen Bildkompositionen basieren, zeigen den Appetit auf Geselligkeit, welche in dieser außergewöhnlichen Zeit besonders reduziert ausfällt. Durch die Einschränkung des sozialen Umfelds verstärkt sich das Verlangen nach Gesellschaft und die damit erhoffte seelische Glücklichkeit.«
Wenn Leonora Prugger von einem erweiterten Malereibegriff spricht, dann gehört dazu der ganze Prozess von der Bildidee bis zum Bilderlebnis der Menschen, die das Gemälde betrachten. Der thematische Ausgangspunkt des hier abgebildeten Werkes war der Tisch als ein Objekt, das für die Kommunikation einen hohen realen wie symbolischen Wert besitzt.
Die sprichwörtliche Tischgemeinschaft war insbesondere während der Lockdown-Zeiten, den historischen Einschnitten der beiden vergangenen Jahre durch Kontaktbeschränkungen während der Pandemie, von besonderem Gewicht für die soziale Existenz. Der Tisch wurde als Treffpunkt und Ort der Kommunikation noch stärker wahrgenommen, wenn man beispielsweise in der Wohngemeinschaft das Haus nur unter Auflagen verlassen konnte. Der Titel verweist auf diese Situation, 24 Stunden am Tag, ohne Ausnahme galt die Beschränkung.
Die Leinwand nimmt das Motiv der Tischplatte auf, in mehreren Schichtungen und Perspektiven. Konstruktive Elemente sind in den Ecken zu erkennen. Figuren sitzen am Tisch. Flaschen werden gehalten, es wird miteinander kommuniziert. Das (Malerinnen-)Auge ist in Bewegung und führt uns durch die Szenen. Auffällig ist die farbliche Veränderung, die hellen Licht- und die dunklen Schattenpartien. Die Beleuchtung verändert sich ebenso wie die Perspektive, denn es geht nicht um einen Augenblick, sondern um „24 hours“, einen ganzen Zeitraum simultan im sich ändernden Licht dargestellt. Der erweiterte Malereibegriff umfasst also unbedingt die Bewegung in Raum und Zeit und die dadurch wahrnehmbaren Veränderungen. Und schließlich ist die Präsentation der am Boden liegend gemalten Leinwand als im Raum fixiertem Objekt eine konsequente Folge dieser Überlegungen. Die Spanngurte erweitern das Bildobjekt und verbinden es mit seiner Umgebung. Man kann um das Bild herumgehen wie um einen Tisch – und damit die Bildidee um die eigene räumliche Wahrnehmung ergänzen.