Teresa Bischoff Dr.

Endemisch

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ Was Oscar Wilde einst so klug konstatierte, erfährt im künstlerischen Schaffen von Leonora Prugger noch eine Steigerung.

In der Serie ENDemich/ENDemisch schenkt sie ihre ganze künstlerische Aufmerksamkeit der botanischen Einzigartigkeit. Endemische Pflanzen gedeihen ausschließlich an bestimmten Orten. Sie passen sich mit außergewöhnlicher Präzision den spezifischen Bedingungen ihrer Umgebung an – eine Anpassung, die ihr Überleben sichert, aber auch ihre Fragilität betont. Fasziniert von diesem Naturphänomen, erhebt Leonora Prugger diese botanischen Raritäten zu den Hauptakteuren ihrer koloristisch fein gestalteten Werke. Doch ihre Gemälde sind keine klassischen Stillleben im kunsthistorischen Sinne, wie man sie etwa aus dem 17. Jahrhundert kennt. Vielmehr offenbaren Pruggers Bilder ihre Geschichten und Geheimnisse weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick. Leise aber bestimmt fordern sie die nachhaltige Aufmerksamkeit des Betrachters ein.

Obwohl die Werke schlicht den Namen einer einzelnen Pflanze tragen, sind sie weit mehr als reine naturgetreue Darstellungen. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, großflächiger Komposition und fein fokussierendem Maßstab, strahlend aufleuchtendem Kolorit und zartesten Farbnuancen gelingt es der Künstlerin, für jede Pflanze eine genau abgestimmte Charakterisierung – man möchte fast sagen Porträtierung – zu finden. Und wie könnten diese Pflanzen auch nicht nach individuellen Bildnissen verlangen? Tragen sie doch so poetische Namen wie Zwergkugelschötchen, Heleocharis Vierhapperi oder Dreiblütige Wolfsmilch. Ob inszeniert Leonora Prugger ihre floralen Protagonisten in Gruppen – eine künstlerische Entscheidung, die die wechselseitige Abhängigkeit und Zerbrechlichkeit dieser einzigartigen Lebewesen eindrucksvoll unterstreicht.

Ebensoviel Sorgfalt lässt die Malerin bei der Gestaltung des Hintergrundes walten. So wie Pflanzen in der Natur durch ihre Umgebung geschützt werden, schafft sie für ihre botanischen Motive eine maßgeschneiderte visuelle Heimat. Die Vorbildnahme erfolgt hier nicht aus der Natur, sondern agiert fernab aller Wirklichkeitsnachbildung. Durch KI-gestützte Prozesse verwandelt sie gewöhnliches Styropor – jenes alltägliche Verpackungsmaterial, das zerbrechliche Güter beim Versand schützt – in künstlich gestaltete, nahezu fantastisch anmutende Landschaben. Diese geometrisch-abstrakten Formen dienen nicht nur als Vorlagen für ihre Bildräume, sie finden sich zugleich auch in ihren plastischen Installationen wieder. Bisweilen scheint es nämlich so, als würden die vom Bildformat gesetzten Grenzen nicht ausreichen. Linien, Konturen aber auch Gegenständliches müssen in die Erfahrung des Räumlichen ausufern und die reine Fläche hinter sich lassen.

Mit dieser künstlerisch versierten Herangehensweise vermag Leonora Prugger subtil verschiedene Ebenen zu verknüpfen: die Zeitlosigkeit der Natur mit der Schnelllebigkeit der gegenwärBgen Konsumwelt, menschliche Kreativität mit künstlicher Intelligenz sowie das spannungsreiche Verhältnis von Fläche und Raum. Vor allem aber verbindet sie in ihrem Werkschaffen ihre eigene Biografie mit der Außenwelt. Die Künstlerin erzählt in ihren Bildern von einer Welt, die sie seit ihrer Kindheit kennt, einer Welt, deren EinzigarBgkeit sich sogar in einer eigenen Sprache ausdrückt.

Die Heimat der dargestellten Pflanzen ist auch die ihre. Doch Leonora Pruggers künstlerisches Schaffen beschränkt sich nicht auf die malerische Darstellung seltener Gewächse. Mit feinem Gespür und metaphorischer Tiefe überträgt sie die schützenswerte Kostbarkeit ihrer botanischen Protagonisten aus der Realität in ihre Bilder. Als Kennerin der komplexen Materie macht sie diese für das zeitgenössische Publikum erfahrbar und initiiert dadurch einen Prozess der Sensibilisierung. Die Künstlerin avanciert zur Mittlerin zwischen einer zwar faszinierten, aber zugleich auch gefahrbringenden Öffentlichkeit und einer abgeschlossenen, teilweise bedrohten Welt. Nicht umsonst versteckt sich gleich zu Beginn im Titel der Serie die Buchstabenfolge END. Sie gemahnt den aufmerksamen Leser und Betrachter an die Vergänglichkeit einer unwiederbringlichen Schönheit. Leonora Prugger ist sich der Zerbrechlichkeit des Außergewöhnlichen bewusst. Sie weiß um die Kostbarkeit des Seltenen. Sie kennt den unschätzbaren Wert der Einzigartigkeit.