Katharina Winterthaler
Langental, 1928 (aus der Serie Endemiten)
Eleocharis Vierhapperi. Wer die Pflanze auf diesem Gemälde einmal in natura sehen will, braucht ein gutes Auge, etwas Glück – und muss in die Dolomiten reisen. Ans Ende des Langentals, einem schmalen Seitenarm des Grödnertals. Nur dort hat man diese unscheinbare Binse bislang gefunden. Ein Endemit also, eine jener Pflanzen, die weltweit nur in einem abgegrenzten Gebiet, auf einer Insel oder eben im Gebirge, vorkommen. In den Dolomiten wachsen ein paar dieser höchst seltenen Pflanzen. Ihnen hat die in Nürnberg lebende Künstlerin Leonora Prugger eine Serie gewidmet.
Prugger ist selbst nahe des Langentals aufgewachsen und in einer Muttersprache zuhause, die genau so einzigartig und bedroht ist wie die Endemiten: Ladinisch. Es war ihr Bruder, ein Botaniker, der ihr von den Raritäten erzählte. Aber erst mit dem Abstand zur Heimat – sie war nach dem Studium in Nürnberg noch einmal für zwei Jahre nach Südtirol zurück, bevor sie wieder nach Franken zog – fing sie an, diese Pflanzen zu malen. Von Anfang an war Leonora Prugger klar, dass sie kein naturalistisches oder gar romantisches Bild der Berge zeigen wollte. Die heile Welt, von der tausende Besucher träumen, ist zugebaut, von zu viel Tourismus und Klimawandel bedroht. „Aber beim Malen wirkte das eher unbewusst“, sagt Prugger. „Da hatte ich das Bedürfnis, die Landschaft noch karger, noch eckiger, noch kühler zu gestalten.“
Ausgangspunkt waren ihre Gipsobjekten. Dafür gießt Leonora Prugger Styroporverpackungen mit Gips aus. „Als ich sie fotografierte, sahen sie aus wie schneebedeckte Berge.“ Aus diesen Fotografien baute sie mit Hilfe von KI-generierten Programmen abstrakte, landschaftsähnliche Gebilde, die sie dann malerisch umsetzte und weiterbearbeitete. Öl auf Leinwand, ganz klassisch. Diesen hellen, zurückhaltenden Farben, dieser fast unwirtlichen Kargheit setzte sie dann einen warmen, roten Himmel entgegen. Eine intuitive Entscheidung. Vielleicht zeigt sich hier das Licht und die Wärme der Sonne, die von den steilen Berghängen des Langentals reflektiert werden und so das Überleben von Eleocharis Vierhapperi sichern.
Die unscheinbare Binse mit den Härchen am Kopf wurde erst 1928 von einem Botaniker namens Friedrich Vierhapper entdeckt. Leonora Prugger selbst hat nie eine gesehen, hat sich ihr über Abbildungen und Beschreibungen genähert, hat ihre Eigenarten studiert. Und gab ihr in diesem Ölgemälde die Aufmerksamkeit, die sie sonst eher nicht bekommt.