Teresa Bischoff Dr.
sedimental
Mit einer außergewöhnlichen Wortneuschöpfung, einem aus der Geowissenschaft abgeleiteten Begriff, ist die Ausstellung der beiden Künstlerinnen Julia Hofer und Leonora Prugger überschrieben. Laut Internetlexikon sind Sedimente verschiedene mineralische und organische Lockermaterialien, die auf dem trockenen Land oder am Grund eines Gewässers abgelagert werden. Sedimente bilden also eine Grundlage. Sie sind der Ausgangspunkt für vielerlei Prozesse, nicht zuletzt auch für das Wachsen und Gedeihen von Pflanzen.
Wenn man nun aber nur ein bisschen zu flüchtig diese Buchstabenkombination liest, wenn man nur zwei kleine Laute verändert, dann ergibt sich das Wort sentimental. Streichen wir die kleinen Übertreibungen sanft zur Seite, die im Deutschen diesem Wort anhaften, dann bleiben Empfindsamkeit und Gefühl, Zartheit und leise Anklänge von Poesie.
Der stets im künstlerischen Prozess vorhandene, über das Wissenschaftliche hinausreichende ästhetische Anspruch und die subjektive Interpretation des Gesehenen wurden subtil in den Titel miteingeflochten. Sedimental umschreibt also ganz wunderbar die beiden Pole, zwischen denen sich das künstlerische Werkschaffen von Julia Hofer und Leonora Prugger bewegt.
Jede der Künstlerinnen geht hierbei ihren eigenen Weg. Einen Weg, der von Achtsamkeit, Geduld und Neugier gesäumt wird. Ihr gemeinsames Ziel ist das Gewahrwerden und Sichtbarmachen der heute vom Menschen so bedrohten Natur. Den Anfang des Weges bilden dabei die grundlegenden Fragen zur Bedeutung der Pflanzen. Getragen von Ernsthaftigkeit und Respekt gehen sowohl Prugger als auch Hofer bei der Beantwortung dieser Fragen zu Werke. Ihr Forscherdrang steht am Anfang, das Verstehenwollen ist die Basis. Darauf fußt der weitere künstlerische Prozess. Wissen führt zum Staunen und Staunen führt zu Wertschätzung.
Julia Hofer arbeitet wissenschaftlich: Sie beobachtet, sammelt, studiert, klassifiziert, ordnet, erstellt Herbarien und analysiert jene Objekte, die der Mittelpunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit sind. Sie zeigt dabei auch das Grundlegende: die Wurzel. Diese trägt die Pflanze, nährt sie, verleiht ihr Stabilität und ist das Bindeglied zwischen Unter- und Überirdischem. Julia Hofer hat nicht nur die schöne sichtbare Oberfläche im Blick, sondern das gesamte Ganze. Das genaue Hinsehen, das akribische Erkennen feinster individueller Strukturen, das behutsame Interpretieren der natürlichen Form sowie deren komplexe Einbettung in die Umwelt ist ihre Art, den Wert der Natur sichtbar werden zu lassen.
Um der Schönheit, Individualität und Kostbarkeit aber auch wirklich gewahr zu werden, bedarf es einer Begabung, die in der Gegenwart mehr und mehr aus der Mode zu kommen scheint: geduldig sein, Stille ertragen und ein langsames „der Zeit Zeit geben“. Trotz oder vermutlich gerade wegen dieser wissenschaftlichen Vorgehensweise, die auch ein Arbeiten mit dem Mikroskop einschließt, sind die fertigen Werke Kunstwerke. Die feinen Zeichnungen auf durchscheinendem Papier, die die Fragilität der pflanzlichen Motive widerspiegeln, verhalten sich zu deren Erscheinungsform kongruent. Die Künstlerin wählt für ihre Bildgegenstände ein durch und durch adäquates Medium.
Bisweilen darf auch die Farbe einen zartsinnigen Beitrag leisten. Um die zerbrechliche und bedrohte Schönheit seltener Orchideenarten zu zeigen, wählt die Künstlerin statt des üblichen Schwarz Violett. In der Farbtheorie eines Franz Marc gesprochen ist bei ihr das Violett aber weniger „Erscheinungsfarbe“ denn „Wesensfarbe“, da dessen Verwendung über das darstellende Moment hinausgreift und ikonologisch aufgeladen wird.
Violett trägt als Mischung zweier Grundfarben die Stärken des Blau und des Rot in sich. Violett steht für das Besondere, Kostbare und Sakrale. In der Liturgie symbolisiert diese Farbe die großen Zeiten der Vorbereitung vor hohen Festtagen. Mit der Wahl dieses Kolorits macht die Künstlerin auf die Vergänglichkeit der bedrohten Orchideen aufmerksam, deren Eleganz oft nicht zur schützenden Sorgsamkeit, sondern zum Raubbau ermuntert. Julia Hofer zieht koloristisch aber auch eine Verbindungslinie zu einem dezidiert weiblichen Kunstschaffen, das sich beharrlich inmitten widriger Umstände seinen Weg bahnen muss.
Bereits vor vielen Jahrhunderten gelang dies einer Frau, die mir nachgerade als Schwester unserer beiden Künstlerinnen erscheint. Eine der frühesten Künstlerinnen, die dieses Oszillieren zwischen Kunst und Wissenschaft unglaublich faszinierend verkörperte, war Maria Sibylla Merian. Bis heute streiten sich die Wissenschaften, wem sie mehr zugerechnet werden darf: der Biologie und Pflanzenkunde oder doch eher der Kunstgeschichte. Die Frage muss nicht entschieden werden. Erzielen solche auf wissenschaftlicher Grundlage erstellten Pflanzenbilder gerade dadurch ihren Reiz, dass sie Ausdruck der waltenden Schönheit innerhalb der Natur sind? Sie sind sichtbarer Beweis dafür, dass die Natur selbst eigentlich die größte Künstlerin ist, mit der Vielfalt an Formen und Farben, die sie nicht müde wird hervorzubringen.
Findet Julia Hofer die Größe der Natur in der individuellen Ausformung jeder einzelnen Pflanze, richtet sie ihren Blick fokussierend auf die fragile botanische Einzigartigkeit, tritt Leonora Prugger einen Schritt zurück. Ihre künstlerische Aufmerksamkeit hat sie auf Weitwinkel gestellt. Die koloristisch reizvollen Gemälde nehmen das komplexe Ganze, die globalen Zusammenhänge, in den Blick. Stets ist die Pflanze zwar Hauptakteurin, immer wird sie dabei aber in den Zusammenhang ihrer Umgebung eingebettet, ohne die sie nicht existieren kann.
Für gewöhnlich richtet sich die menschliche Aufmerksamkeit im Alltag wenig auf Pflanzen. Ihre stille Präsenz macht sie in den Augen vieler zu unspektakulären, nicht beachteten und dadurch nahezu unsichtbaren Begleitern unseres täglichen Lebens, derer man sich erst bewusst wird, wenn sie verschwinden oder sich verändern. Diese Nichtbeachtung, die häufig in Nichtachtung umschlägt, thematisiert Leonora Prugger in ihren Bildern. Mit dem Zitat „Oben verdunkelt sich der Himmel, unten verbraucht sich die Erde“ zeigt die Künstlerin ihre Besorgnis hinsichtlich des Raubbaus auf und an der Erde, der weitreichende Folgen hat, da bekanntlich alles mit allem in Verbindung steht.
Mit Sorgfalt widmet sich die Malerin deshalb auch dem Hintergrund ihrer Werke. Ähnlich wie Pflanzen in der Natur von ihrer Umgebung getragen und geschützt werden, erschafft sie für ihre botanischen Motive eine eigens konzipierte visuelle Umgebung. Diese orientiert sich jedoch nicht nur an realen Vorbildern, sondern kann sich auch bewusst von der Form der naturgetreuen Abbildung lösen. Geometrisch-abstrakte Strukturen fungieren als Grundlage für ihre Bildräume.
Mitunter scheint es sogar, als sprengten ihre Arbeiten die Grenzen des Bildformats: Linien, Konturen und auch gegenständliche Elemente drängen in den Raum und überschreiten die Zweidimensionalität der Fläche. Dieses Grenzenlose darf dabei auch real werden, indem sich Themen und Motive nicht von einem Bildformat einschränken lassen. Die Gemälde befreien sich in den Raum hinein, die Umgebung der Pflanzenmotive diffundiert in die Dreidimensionalität und schafft dadurch eine dingliche Präsenz, derer man sich nicht entziehen kann und soll. Die Installation der verbrannten Erde macht den brisanten Bedeutungsgehalt der Wörter sinnlich erfahrbar.
Häufig richtet sich Leonora Pruggers Aufmerksamkeit auf ganz besondere Gewächse. Sie beschäftigt sich intensiv mit endemischen Pflanzen, also Pflanzen, die solch einzigartige Ansprüche haben, dass sie nur und ausschließlich an ganz bestimmten Orten unter ganz bestimmten Bedingungen wachsen können. Ihr Interesse gilt Pflanzen, die mit Eigenschaften ausgestattet sind, die man für gewöhnlich nicht bei ihnen vermutet: So kann sich die Diptam-Pflanze durch ihre ätherischen Öle selbst entzünden. Der Wollige Schneeball hingegen lockt durch das geschickte Täuschungsmanöver von Scheinblüten seine Bestäuber an.
Pruggers Gemälde sind jedoch keine exquisiten Stillleben im traditionellen kunsthistorischen Verständnis, die sich mit rein ästhetischer Hingabe einer exklusiven botanischen Eleganz verschrieben haben. Stattdessen fordern Leonora Pruggers nuancierte, farbkräftige Werke eindringlich Aufmerksamkeit ein und verlangen ein vertieftes, anhaltendes Betrachten, das über das Oberflächliche weit hinausreicht.
Ganz im Sinne des Titels lagern sich in dieser Ausstellung Schicht um Schicht Erkenntnis, Empfindung und künstlerische Form übereinander. Die Ausstellung ist damit mehr als ein Nebeneinander von Werken. Sie stößt über die ästhetische Rezeption eine Verdichtung der Wahrnehmung an. Sie bereichert mit einem geschärften Blick für das Unsichtbare im Sichtbaren. Sie macht aufmerksam für das Fragile im Selbstverständlichen und für die gefährdete Dringlichkeit dessen, was uns umgibt. Sie macht uns sehnen nach dem Ideal einer menschlichen, achtsamen und bewahrenden Zuwendung zur Welt.
Dr. Teresa Bischoff
Kunsthistorikerin