Elke Haarer
Sie weiß nicht
6. November 2024: Donald Trump wird erneut zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, Olaf Scholz entlässt Christian Lindner, und der FCB gewinnt in der Champions League gegen Benfica Lissabon. Die Dolomiten-Glockenblume weiß von alldem nichts. An diesem Tag besuche ich Leonora Prugger in ihrem Atelier, und wir unterhalten uns über ihre Arbeiten. Sie bereitet gerade eine Ausstellung vor, die den Titel „fragile“ tragen wird. Prugger beschäftigt sich seit einiger Zeit mit ende- mischen Pflanzen. In der Heimat der Künstlerin gibt es einige dieser endemischen Pflanzen, die äußerst selten und schwer zu finden sind.
Prugger ist in einem Tal der italienischen Dolomiten aufgewachsen. In ihrer Familie spricht man Ladi- nisch, eine Sprache, die ebenso selten ist wie die endemischen Pflanzen der Region. Dem Begriff „en- demisch“ steht in der Biologie und Geografie der Begriff „kosmopolitisch“ gegenüber. Diese beiden Begriffe beschreiben gegensätzliche Verbreitungsweisen von Arten. Ladinisch wird nur noch in geo- grafisch isolierten Tälern der Dolomiten von wenigen Menschen gesprochen. Auch gibt es, je nach Tal, verschiedene Dialekte, die sich deutlich voneinander unterscheiden.
Erstelle eine Landschaft aus
Pruggers Interesse an endemischen Pflanzen ist mit der Frage nach der Landschaft verbunden, die diesen Pflanzen das Überleben über Jahrtausende ermöglicht hat. Es ist weniger die reale Landschaft der Dolomiten, die sie dabei beschäftigt; stattdessen nutzt sie für das Generieren ihrer Bildmotive künstliche Intelligenz. Neben ihrer malerischen Tätigkeit produziert sie in einem Gießverfahren Objekte aus Gips. Dafür verwendet sie handelsübliche Styroporverpackungen und fertigt in einem Prozess des Abformens der Negativformen das jeweilige Kaufobjekt neu als Gipsform. Diese Objekte werden mit- hilfe der künstlichen Intelligenz eines Bildbearbeitungsprogramms zu Bausteinen der Landschaften, die die endemischen Pflanzen in Pruggers Malereien beherbergen. Mit dem Auftrag „erstelle eine Land- schaft aus…“ generiert die Künstlerin aus den Abbildungen der Gipsobjekte Landschaftsansichten, die sie wiederum als Motive für ihre Malereien nutzt.
Die Gipsobjekte finden nicht nur in der Entwicklung ihrer malerischen Kompositionen Verwendung; sie treten zudem als Akteure in Ausstellungssituationen auf. So stellt Prugger ihre Malereien in Kombina- tion mit den abgeformten Objekten aus und entwickelt für den jeweiligen Ausstellungsort spezifische Installationsvarianten für ihre Malereien. Das können spezielle Haltesysteme aus Bändern und Spann- gurten oder eigens angefertigte Konstruktionen aus Holz sein. So entsteht ein in sich verflochtenes System an inhaltlichen und formalen Bezügen, das sich in hybriden materiellen Konstruktionen im je- weiligen Ausstellungsraum zur Schau stellt.
Der dritte Faktor
Auffallend sind Pruggers Bezüge zu ihrer Heimat, in der sie nicht mehr lebt. Es ist der geografisch abgeschlossene Raum der Berge und Täler, das Endemische der Pflanzen und der Sprache, das lokal Begrenzte und Besondere, das vom Verschwinden bedroht ist. Konkret ist es das Haus der Familie, ein Ort, an dem die ladinische Sprache innerhalb der Familie seit Generationen gesprochen wird. Dort fand sie den Briefwechsel ihrer Großeltern während des Zweiten Weltkriegs, in dem je nach Inhalt des Geschriebenen zwischen Deutsch, Italienisch und Ladinisch gewechselt wird. All dies findet Eingang in Pruggers Werke.
Ihre Malereien sind jedoch alles andere als naturalistische Darstellungen existierender Landschaften und der dort vorkommenden Pflanzen. Die generierten Bildmotive, die auf den Leinwänden erscheinen, lassen keine Rückschlüsse auf die reale Landschaft und deren Pflanzenwelt zu. Die Beziehung zwi- schen Referenz und Bild basiert nicht auf Ähnlichkeit oder Nachahmung. Das hybride System der Bild- findung schiebt sich als dritter Faktor zwischen Referenzobjekt und Bildobjekt. So leiten sich die Bild- kompositionen in Pruggers Malereien eher von Versatzstücken digitaler Herkunft ab als von phäno- menologischen Sinneseindrücken.
Traum von der botanischen Monographie
Sind es surreale Geschöpfe, die durch das hybride System der Bildfindung entstehen? Eine Assoziation zum Traum liegt nahe. Wie im Traum tauchen in Pruggers Malereien Montagen von heterogenen Moti- ven auf, die keine eindeutige Lesart zulassen. Auch der Traum zeichnet sich durch Diskontinuität aus, und ebenso findet in Träumen ein Prozess statt, in dem unterschiedliche Darstellungsweisen eines Inhalts miteinander verknüpft sind: die bildlichen Erscheinungen während des Träumens, das Verbali- sieren des Traums bei der Umsetzung in Sprache (manifester Inhalt) und die darauffolgende Deutung des Traums. In Sigmund Freuds Theorie der Traumdeutung ist es der Traumgedanke (latenter Traum- inhalt), der dem manifesten Inhalt des Traums vorgängig ist und in seiner Analyse einen Zugang zum Unbewussten ermöglicht.
Leonora Prugger entfernt sich in ihrer künstlerischen Produktion von ihren eigenen sinnlichen Wahr- nehmungen. Sie verwirft die Sinneseindrücke der Landschaft, in der sie aufgewachsen ist, und ersetzt sie durch künstlich generierte Bilder. Den endemischen Pflanzen nähert sie sich über Abbildungen und über den bildhaften Beschreibungen der Botaniker. All dies fließt in die neugeschaffene Bildwelt der Künstlerin ein.
Warum wählt die Künstlerin diesen Zugang zur Produktion ihrer Werke? Denkbar wäre, dass die Ant- wort im Unbewussten begründet ist. Das Unbewusste war jedenfalls für die Surrealisten ein zentraler Motivationsgrund für ihre künstlerischen Werke. Befragen wir nochmals Sigmund Freud, so ist der Kö- nigsweg zum Unbewussten der Traum. Fasst man den Traum, wie Freud, als Rebus auf, so sollte er nicht nach seinem Bildwert betrachtet werden; vielmehr ist es erforderlich, die Zeichenbeziehungen zu lesen, um ihn zu deuten.